
Seine erste Mail war kurz. Seine fünfte war lang, und in ihr stand die Frage, auf die es ankam.
Vier Wochen lang schrieb mir ein Gentleman, zog sich zurück und fragte wieder. Er hat mir erlaubt, davon zu erzählen, ausdrücklich auch hier im Tagebuch. Ohne dieses Einverständnis stünde dieser Eintrag nicht hier, und alles, was ihn erkennbar machen könnte, habe ich weggelassen.
Am Anfang fragte er nach dem Ablauf: wie lange, wo, was er mitbringen solle. Ich habe das als Tarnung gelesen, denn solche Fragen stellt man, solange man sich die eigentliche nicht traut. Nach und nach wurden sie persönlicher. Ob die Dame seine Zeilen selbst lese oder nur ich. Ob sie sich auf einen Abend wirklich freuen könne oder das nur sagen müsse. Ob sie auch ablehnen dürfe, wenn er ihr nicht liege.
Ich habe jede dieser Fragen mit Ja beantwortet, weil es stimmt. Bei uns entscheidet die Dame mit.
Dann kam die Bitte, wegen der ich seine Mail zweimal gelesen habe. Ich solle der Dame ein Foto von ihm schicken, und sie solle mir ehrlich sagen, ob er ihr gefalle. Ehrlich, schrieb er, und das Wort stand zweimal da. Nicht höflich.
Ich habe das nicht als Eitelkeit verstanden. Ich weiß, was hinter einer solchen Frage steckt, denn ich höre sie nicht zum ersten Mal, in anderen Worten, von anderen Männern. Wer so fragt, will keine Zuneigung, die bestellt und geliefert wird. Er will nicht, dass jemand für ihn lächelt, weil das der Auftrag ist. Er möchte wissen, ob da jemand ist, der ihn ansieht und für sich selbst entscheidet. Echte Anerkennung, und sei es nur für einen einzigen Abend. Eine Harmonie, die nicht gespielt ist.
Das ist ein ungewöhnlich ehrlicher Wunsch, und er hat mich mehr überzeugt als jede Floskel in einer Anfrage.
Also habe ich ihm gesagt, wie ich es handhabe. Das Foto geht nur an sie, nur mit seinem Einverständnis, und sie muss nicht höflich sein. Wäre ihre Antwort ein Nein gewesen, hätte ich es ihm gesagt, freundlich, aber ohne Umweg. Sie hat sich das Bild in Ruhe angesehen und mir ehrlich geantwortet. Was sie gesagt hat, behalte ich für mich. Zwei Tage später stand seine Buchung, mit Datum, Uhrzeit, Telefonnummer und der genauen Adresse samt Etage.
Was an diesem Abend geschah, bleibt bei ihm und der Dame. Es ist nicht meine Geschichte, und ich war nicht dabei. Am Tag danach rief er mich an. Er sagte, er habe vier Wochen mit den falschen Fragen verbracht. Die eigentliche habe nie Wie läuft das ab? gelautet, sondern Kann man mich mögen, wenn man mich sieht?
Ich erzähle das, weil an manchen Abenden jemand vor einem leeren Mailfenster sitzt und genau diese Frage nicht abschickt. Fragen Sie ruhig. Auch die, die Ihnen peinlich vorkommen. Ich zähle keine Mails.
Discreetly yours,
Lena
