de / en
Lena's Tagebuch

Ein Markt, der 600 Jahre zurückdreht. Ich mag ihn erst nach Einbruch der Dunkelheit.

Fackeln, Gaukler, Fachwerk: Im Advent dreht Esslingen die Uhr zurück. Warum ich den Markt erst mag, wenn die Familien nach Hause gehen, und wo ein Abend danach leise weitergehen darf.


Esslingen hat ein Talent, das vielen größeren Städten fehlt: Es kann Dunkelheit. Sobald im Advent die Fackeln brennen, rutscht die Altstadt ein paar Jahrhunderte zurück. Gaukler stehen zwischen den Fachwerkhäusern, ein Feuerschlucker macht die Gasse für einen Moment heller, und irgendwo zupft jemand eine Laute, als hätte es nie ein Telefon gegeben.

Rund 180 Stände, mehr als eine Million Gäste. Das klingt nach Gedränge, und das ist es auch, wenn man zur falschen Zeit kommt. Samstagnachmittag am Rathausplatz? Ich schenke ihn mir.

Meine Stunde beginnt später. Wenn die Kinderwagen abgezogen sind und die Gassen leiser werden, kommt der Markt zu sich. Der Atem steht in der Luft, der Glühwein ist heiß genug für die Finger, und im Fackelschein sieht jeder Mensch ein bisschen gelassener aus. Dann biege ich ab, weg vom Marktplatz, in die Ritterstraße. Dort zeigen an den Wochenenden Kunsthandwerker, was Hände können: Filz, Holz, Leder, Dinge, die jemand wirklich gemacht hat. Wer einen Abend nicht verschenken will, steht hier länger als vor der Bühne.

Und danach? Gentlemen fragen mich im Advent oft, wo ein Abend ausklingen kann, ohne nach Pflichtprogramm zu klingen. In Esslingen gibt es dafür ein paar stille Adressen. Das Leonardo Hotel Esslingen hat eine Lounge mit Kamin und eine Bar, der Blick geht über die Altstadt. Das Hotel am Schelztor ist privat geführt, ruhig und nur wenige Gehminuten vom Markt entfernt. Und wer ein Glas Sekt möchte: Die Sektkellerei Kessler gehört zu dieser Stadt wie die Fachwerkbalken.

Wer in Stuttgart [LINK: Stuttgart] zu tun hat, ist mit der S-Bahn in unter zwanzig Minuten da. Das macht Esslingen zur leisen Verlängerung eines Abends, der anderswo laut begonnen hat.

Das Schönste an einem Markt dieser Größe ist übrigens ein Nebeneffekt: Hier fällt niemand auf. Eine Million Menschen sind die beste Diskretion, die man sich wünschen kann.

Esslingen im Dezember ist kein Geheimtipp. Aber in der letzten Stunde des Tages ist es einer.

Discreetly yours, 
Lena