
Ich gebe es zu: Im Sommer ist Stuttgart hübsch. Im Winter ist es verführerisch. Sobald es früh dunkel wird, legt sich der Kessel wie eine warme Hand um die Stadt, und die Lichter an den Hängen sehen aus, als hätte sie jemand eigens für einen ruhigen Abend angeknipst.
Der Weihnachtsmarkt ist selbstverständlich der Klassiker. Ab Ende November ziehen sich die Buden vom Marktplatz über die Kirchstraße und den Schillerplatz bis hinunter zum Schlossplatz. Wer nicht weiß, dass dieser Markt weit über 300 Jahre alt ist, spürt es trotzdem. Mein Rat: lieber ein Dienstagabend als ein Samstag. Dann darf man stehen bleiben, ohne geschoben zu werden.
Wirklich ankommen kann man in Stuttgart aber an den Rändern des Trubels. Mittags um Viertel nach eins spielt in der Stiftskirche eine halbe Stunde lang die Orgel, sonntags in der Schlosskirche. Wer dort gesessen hat, hört den Markt danach anders. Auf dem Schlossplatz dreht sich das Riesenrad oft bis in den Januar weiter, und der Wintertraum hat statt einer Eisbahn eine Rollschuhbahn, was ich bis heute charmant schräg finde.
Dann sind da die stillen Stunden. Die Weinberge am Rotenberg sind im Winter fast menschenleer, der Schlossgarten liegt im Raureif, und die Wilhelma zeigt ihre romantische Seite. Vom Fernsehturm aus sieht der ganze Kessel aus wie verstreutes Gold.
Wer es lieber ein wenig verwunschen mag, fährt nur eine kurze Strecke weiter nach Esslingen. Dort verwandelt sich die Altstadt rund um das Alte Rathaus jedes Jahr in einen Mittelalter- und Weihnachtsmarkt, abends mit Fackeln, Gauklern und Feuerkünstlern. Zwischen Fachwerk und Kopfsteinpflaster fühlt sich Stuttgart plötzlich sehr weit weg an.
Gentlemen, die Stuttgart nur von Geschäftsreisen kennen, fragen mich im Winter oft, was man an einem Abend unternimmt, wenn man nichts planen möchte. Meine Antwort ist immer dieselbe: weniger, aber mit Zeit. Ein Winterabend lässt sich nicht abhaken. Er will langsam sein.
Ich freue mich auf die ersten Lichter. Und auf eure Geschichten, wenn ihr durch die Stadt gelaufen seid.
Discreetly yours, Lena
