
Heidelberg hat ein Problem: Alle gehen zum Schloss. Dort stehen sie dann in Reihen und fotografieren die Stadt von oben, während unten die Lichter angehen. Ich verstehe das. Aber wer mich fragt, wohin man an einem Oktoberabend gehen sollte, bekommt von mir eine andere Antwort.
Auf die andere Neckarseite. Der Philosophenweg zieht sich am Hang entlang, und von dort sieht man das Schloss und die Alte Brücke so, wie sie gemeint sind: aus der Distanz. Gegen Abend wird das Laub kupfern, die Touristen sind längst wieder in der Altstadt, und es wird still genug, dass man den eigenen Schritt hört. In Heidelberg [LINK: Heidelberg] ist das für mich der Moment, in dem die Stadt aufhört, Postkarte zu sein.
Mehrere Gentlemen haben mir erzählt, dass sie genau dort das Gespräch geführt haben, das im Büro nie zustande gekommen wäre. Ein Weg ohne Tisch dazwischen verändert vieles. Man geht nebeneinander, nicht gegenüber. Niemand muss Blickkontakt halten, und gerade deshalb entsteht er.
Danach gehört der Abend in ein Haus mit Haltung. Das Hotel Europäischer Hof ist so eines: gedämpftes Licht, geschulte Zurückhaltung, ein Service, der wahrnimmt und nichts kommentiert. Wer dort ankommt, muss nichts erklären. Genau das meine ich, wenn ich von Diskretion als Grundhaltung spreche. Mehr dazu steht in meinem Eintrag über die Hotelbars Stuttgart, die einen Abend leise beginnen lassen.
Ein Rat für alle, die Heidelberg im Herbst planen: Nehmt ein Paar bequeme Schuhe mit und eine Jacke, die ihr zur Not auch jemandem um die Schultern legen könnt. Die Anstiege sind kurz, aber steil, und der Wind vom Neckar ist im Oktober ehrlich.
Wer es noch stiller mag, findet in Stuttgart meinen Platz am Feuersee, und wer Ruhe mit Dach über dem Kopf braucht, liest, wie ich die Caracalla Therme zwei Stunden ohne Telefon verbracht habe. Ein Herbstabend in Mannheim oder Karlsruhe hat wieder einen ganz anderen Takt, davon schreibe ich bald.
Heidelberg im Oktober ist keine Kulisse, sondern ein Versprechen an den, der langsam geht.
Discreetly yours,
Lena
